Hochwasser im Isaan

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Hochwasser im Isaan

Beitragvon KoratCat » 18. Okt 2015, 15:12

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Lang anhaltende Dürreperioden und Überschwemmungen sind im Isaan an der Tagesordnung. Mein Freund Lutz wohnt in der Nähe eines kleinen Flüsschens und kann ein Lied davon singen. Ein Lied? Mehrere Lieder hat er drauf und gestern hat er mir per Handy eins vorgesungen. Hochwasser! Darauf hat er sich in diesem Jahr eingestellt und Vorsorge getroffen.

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Gleich steht das Wasser noch höher und ich wage es nicht anzuhalten.

Wenn das Wasser kommt, wird in seinem kleinen Dorf die einzige befestigte Straße so hoch überschwemmt, dass sie mit seinem tief liegenden Wagen nicht mehr befahrbar ist. Also hat er das Wichtigste für den Fall des Falles gehortet. Zigaretten, Bier, Trinkwasser und Lebensmittel für etwa 2 Wochen.

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Jetzt ist das Ereignis eingetreten. Seit einer Woche sitzt er auf seiner kleinen Insel und kommt nicht mehr herunter. Ärgerlich, doch kein großes Problem. Denkt er. Vorgestern war das Bier alle und seine Mia konnte nicht kochen, weil die Gasflasche leer war. Alle? Kann doch nicht sein, denkt er und inspiziert seine Vorräte. Nicht nur die Vorräte sind bis auf klägliche Reste zusammengeschrumpft, auch zwei Gasflaschen sind verschwunden.

Dann stellt sich heraus, Oma und Opa brauchten Gas, hatten aber keines. Die Schwägerin mit ihrer sechsköpfigen Familie konnte auch nicht mehr kochen und da hat die liebe Tochter, Schwester und seine Frau den armen Not leidenden Leutchen etwas unter die Arme gegriffen. Das gehört sich doch so, oder?

Das Bier ist in den Besitz der männlichen Verwandtschaft übergegangen. Die armen Männer konnten doch wegen dem Hochwasser nicht aufs Feld und hockten in ihren überschwemmten Hütten. Ein kleiner alkoholischer Trost war da doch angebracht und das seine Mia der hungernden Verwandtschaft mit den gehorteten Lebensmitteln ausgeholfen hat, das war doch ein Akt reiner Nächstenliebe. Lutz ist sprachlos, durstig und hungrig.

Doch welch ein Trost, Zigaretten hat er aber noch.

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Unter dem Zelt ist die Straße eingebrochen. Vermutlich soll der nächste Regen nicht noch mehr Asphalt wegspülen.

Gestern war das Hochwasser soweit gesunken, dass ich mich mit meinem Pik-Up bis zu ihm durchkämpfen konnte. Zwar hatten die Straßen gelitten, doch ich kam durch. Trinkwasser, Bier, Cola, Körnerbrot und Margarine bescherten eitel Freude und Oma samt Opa langten sofort zu, als sie zum Hähnchenessen eingeladen wurden.

Was dem einen sein Leid, ist dem anderen sein Freud. Sagt man. Freude hatten diese Männer, die an einem Tünpel hockten, in dem sich das abfließende Wasser von den Feldern staute und da gab es Fische. Man brauchte sie nur aus dem Wasser holen und das geht so:

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Das abfließende Wasser wird über Netze geleitet.

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Der Fang besteht aus kleinen Fischen, ganz kleinen.

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Ist das Wasser etwas tiefer, wird mit Wurfnetzen gefischt. Das Netz sinkt ab und wird umgehend wieder angehoben. Die Maschenweite ist etwas größer, als bei den Stellnetzen. Die Fische auch, wenn welche drinn sind.

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Während das Netz wieder zusammengelegt wird, darf der nächste Fischer sein Glück versuchen.

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Hier schwimmen noch abertausende der kleinen Fische und bis das Wasser abgelaufen ist, kann noch einiges gefangen werden.

Lutz, der ja jetzt nichts anderes unternehmen kann, könnte ja auch so seinen Speisenplan erweitern. macht er aber nicht, die Fischlein sind ihm zu klein. Morgen rufe ich ihn wieder an und erkundige mich nach dem aktuellen Wasserstand. Wenn Lutz dann immer noch mit seinem Wagen vom Wasser eingeschlossen ist, fahre ich die nächste Versorgungstour.

Gepostet am 28. Sep. 2008 um 10:52 Uhr von Werner Schwalm

KoratCat
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Re: Hochwasser in Korat 2010

Beitragvon KoratCat » 18. Okt 2015, 15:34

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Man spricht auch von der Korat-Hochebene, wenn man den Isaan meint. Diese Hochebene ist jedoch nicht gerade, wie ein Teller, sondern wellig. Deshalb befindet sich derzeit das Hochwasser in Korat und der Provinz Nakhon Ratchasima, verursacht u.a. durch das Überlaufen, bzw. vorsorgliche Ablassen von mindestens 2 Talsperren, nicht überall, sondern nur in den tiefer liegenden Gebieten.

Deshalb konnte ich heute Vormittag von Korat aus auch ungehindert zur 90tägigen Gesichtskontrolle ins etwa 30 km entfernte Büro der Immigration, nach Dan Kwian und zurück fahren. Nur wenig Farang war es heute Vormittag möglich, den Weg hier her zu finden, denn bei den langen Fahrstrecken trifft man früher oder später auf eine mit Wasser gefüllte Senke und dann geht nichts mehr. „Mai pen rai,“ wiederholt sich in kurzen Abständen ein Beamter der Immigration am Telefon, „wenn hohes Wasser weg, dann kommen, nicht Problem mit Strafe Baht.“ So übersetzt meine Frau mir den Inhalt der gespräche.

Im Radio wurden am Vormittag weiterhin örtliche Nachrichten und Warnungen an die Bevölkerung verbreitet. Demnach ist das Wasser noch im Steigen begriffen und man rechnet damit, dass auf dem Gelände der schon sehr stark betroffenen Maharad Klinik in Korat der Pegelstand die 2 Meter Marke heute noch übersteigen wird.

Bereits Gestern soll in dieser Klinik, in der sich meistens mehr als 1.000 Patienten aufhalten, das Herzzentrum überschwemmt worden und unbrauchbar geworden sein. Betroffen waren gestern auch schon die Ambulanzen und Notaufnahmen. Patienten wurden bereits ausgelagert und bis ins 260 km entfernte Khon Kaen verbracht.

Zwar regnete es gestern schon weniger und heute Mittag sieht man sogar einige blaue Stellen am Himmel, doch das Wasser soll noch zwei Tage weiter ansteigen. Es heißt, wegen der Gefährdung von Staudämmen in der Provinz Nakhon Ratchasima (die selbst nach den Trockenzeiten immer noch zu ¾ gefüllt erscheinen).

In den Supermärkten werden Flaschenwässer, Fleisch, Obst du Frischgemüse zunehmend knapper. Wahrscheinlich deshalb hat die Stadt Korat bereits Sammelstellen für Flaschenwasser eingerichtet und laufend erfolgen über das örtliche Radio Aufrufe mit der Bitte um weitere Wasser- und Lebensmittelspenden.

In dem tiefer gelegenen Stadtteil Cho Ho wurde die Trinkwasser- und Stromversorgung bereits vor 3 Tagen abgestellt. Viele Bewohner sitzen hier fest oder können nicht heim kommen, denn die Straßen sind hier derzeit nicht befahrbar.

Alte, Kranke und Kleinkinder, sind in den überschwemmten Gebieten jetzt ganz besonders auf Hilfe von außen angewiesen. Das gilt in der Provinz Nakhon Ratchasima insbesondere für die flachen Landstriche in Richtung Norden, wo die Provinz Chaiyaphum ebenfalls unter Hochwasser leidet und die nordöstlich von Korat befindlichen Dörfer und Kleinstädte.

Hier, wo es sowieso schon an Infrastruktur fehlt, spielen sich in den kleinen Weilern wahre Dramen ab. „Ich habe unser Auto 30 cm hoch gebockt und auf Steine gestellt, die Einheimischen haben mich ausgelacht.“ Das sagte mir mein Freund Ludwig gestern noch sehr hoffnungsvoll. Heute kam über Handy die Nachricht, die 30 cm würden wohl nicht reichen und die Einheimischen würden auch nicht mehr lachen. Das Wasser strömt jetzt vor und hinter dem Haus vorbei.

„Jetzt steht dass Wasser schon 80 cm über Straßenniveau und gleich ist es im Haus.“ Das meldete Ludwig am Mittag und weiter: „Bua hab ich mit einem Lot Idend (hochrädriger Traktor) nach Nong Sung zum Einkaufen geschickt. Es fehl ja an allem. Vorhin hat sie übers Handy angerufen, sie kommt nicht zurück, die Straßen sind unpassierbar. Jetzt sitze ich mit den Kindern ohne Wasser und Essen alleine da und das nur, weil so ein paar Idioten an den Staudämmen wieder mal versagt haben. Fehlt nur noch, die stellen den Strom auch noch ab. Hoffentlich ist wenigstens genug Gas zum kochen da. Mit der Toilette ist auch schon nichts. Die Grube ist ja schon voll gelaufen und nimmt nichts mehr auf. Im Gegenteil. Ich muss sie verstopfen, damit keine Fäkalien wieder ins Haus zurück gedrückt werden. Die Betten habe ich in der Frühe abgebaut. Die liegen auf den Tischen. Die Kühlschränke stehen jetzt auf den Stühlen und soeben sind die Hunde auch auf die Tische geklettert. Einer davon gehört unserer Oma, doch was soll das noch? Mit Waschen, Duschen und Spülen ist es auch vorbei. Womit auch? Mit dem dreckigen Wasser? Nur die Schränke, die kriegen nasse Füße. Da kann ich nun wirklich nichts dran machen. Und Mittagessen? Das muss warten. Zuerst will ich mal meinen Kleinen aus dem verdreckten und stinkenden Wasser fischen, bevor der sich noch was einfängt.“

Mit dem Ausklingen der letzten Worte von Ludwig war auch seine Handykarte leer. Vielleicht wollte er sich noch mehr Kummer von der Seele blasen, doch das muss jetzt warten.

Gepostet am 19. Okt. 2010 14:50 Uhr von Werner Schwalm


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