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Dorfgeschichten

Verfasst: 18. Okt 2015, 14:43
von KoratCat
Voll ins Fettnäpfchen

Mein Freund Helmut wohnt schon seit vielen Jahren in dem kleinen Dörfchen Ban Hua Bong im Amphoer Nong Thai, also mitten im Isan. Warum seine Stieftochter Saraphi und damit auch beinahe die ganze Familie das Gesicht verloren hätten, liegt an der Schwatzsüchtigkeit, die den Frauen wohl schon in der Wiege mitgegeben worden ist.

In den Dörfern des Isan gibt es so etwas wie eine Buschtrommel. Sobald es irgendwo eine Neuigkeit gibt, die interessant zu sein scheint, dringt die Nachricht umgehend bis in die kleinste Hütte. So ließ es sich nicht verheimlichen, dass die 16 jährige Nachbarstochter des Exbürgermeisters, der vor wenige Wochen abgewählt wurde, schwanger ward.

Schon an der Schande, dass der Bürgermeister abgewählt wurde, trugen er und seine Familie sehr schwer. Dass jetzt auch noch die 16 jährige Tochter schwanger ist, sollte deshalb unter allen Umständen verheimlicht werden. Niemand sollte davon erfahren um darüber spotten zu können. Doch wie das nun einmal so ist. Irgendjemand aus der Familie konnte seinen Mund nicht halten und schon wusste das ganze Dorf davon.

Schadenfreude ist die reinste Freude und deshalb wurde das Pech des Exbürgermeisters genüsslich breit getreten und jeder wartete darauf, was jetzt wohl passieren würde. Die einen tippten auf eine baldige Heirat, andere meinten, eine Heirat komme nicht in frage und wieder andere mutmaßten, die werdende Mutter würde in die Anonymität der Stadt zu ihrem Onkel nach Korat übersiedeln.

Da Helmuts Tochter Saraphi und die Tochter des Exbürgermeisters die gleiche Schule in der Kreisstadt besuchen, viel es Saraphi auf, dass das junge Mädel mehrere Tage nicht mit ihr im Schulbus saß, eines Tages jedoch mit einer Reisetasche an der Hand in der Kreisstadt in den Bus kletterte, um in ihr Dorf zu fahren. Wo warst du denn solange, fragte sie das Nachbarskind. In Bangkok, erhielt sie als Antwort. Na und, Kind jetzt weg, hinterfragte Saraphi, worauf das Nachbarskind beleidigt aufstand und den Platz wechselte.

Zuhause angekommen, wurde alsbald mein Freund Helmut von lautem Geschrei aus dem Nachbarhaus, aus seinem Nachmittagsschlaf gerissen. Dann stürmte die beinahe werdende Großmutter wutentbrannt aus dem Haus und verschwand in der Wohnung des neuen Bürgermeisters. Umgehend drang von dort aus neues Geschrei und Gezeter bis in die umliegenden Häuser, so das jeder erahnen konnte, dass da ein riesengroßer Streit ausgetragen wurde.

Neugierig geworden verließen die Menschen ihre Behausungen und versammelten sich, der kommenden Dinge harrend, vor dem Haus des neuen Bürgermeisters. Alsbald stürmte die Frau des Exbürgermeisters mit versteinertem Gesicht an der wartenden Dorfbevölkerung vorbei, verfolgt von der Freu des neuen Bürgermeisters, wieder heim in ihre Behausung. Hier ging der Streit weiter und wieder wartete die Menge, was jetzt passieren würde.

Nach etwa einer viertel Stunde erschien dann die Frau des neuen Bürgermeisters und enterte die Wohnung meines Freundes Helmut. Der erfuhr jetzt, was nun eigentlich los war. Hatte doch seine Stieftochter nichts ahnend ausgeplaudert, dass das ganze Dorf von der Schwangerschaft wusste, was doch niemand wissen sollte.

Doch nicht sie ist Schuld an dem Dilemma, sondern die Frau des neuen Bürgermeisters, weil sie angeblich davon erfahren und breitgetreten hat, um den alten Bürgermeister eins auszuwischen und seinen angekratzten Ruf noch weiter zu ruinieren.

Langsam aber stetig versammelt sich in der nächsten Stunde die Sippschaft beider Familien und beschimpft sich gegenseitig. Da der Streit zu eskalieren droht, wird die Polizei aus der Kreisstadt herbeigerufen. Die aber erklärt sich nach Anhörung der gegenseitigen Vorwürfe für nicht zuständig. Da sie aber für Ruhe und Ordnung sorgen will, empfiehlt sie den bei solchen Streitigkeiten zuständigen Puu jai baan, den Dorfbürgermeister als Schlichter anzurufen. Der ist aber in diesem Fall Partei und kann infolge dessen nicht tätig werden.

Was tun? Es wird weiter lautstark geschimpft und Vorwürfe fliegen von der einen Gruppe zur anderen und zurück. Das ganze Dorf ist in Aufruhr und weil es da nur zwei Sippen gibt, ist jeder betroffen.

Helmut, der einen kühlen Kopf behalten hat, empfiehlt nun der Polizei doch einmal zu prüfen, ob der nicht zu den betroffenen Sippen gehörende Puu jai baan des Nachbardorfes den Streit zu schlichten gewillt ist.

Ist er. Alsbald machen sich beide Sippen bei der einbrechenden Dunkelheit auf den Weg ins Nachbardorf, wo jede Partei dem Puu jai baan ihren Standpunkt darlegt. Der ist völlig ratlos und schlicht überfordert. Er ist noch ratloser, als die Sippe des Exbürgermeisters Geld als Entschädigung für die erlittene Schmach und Schande fordert. 80.000 Bath soll die andere Sippe bezahlen. Die lehnt natürlich ab, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst.

Auch nach einer Stunde hin und her gibt es kein Aufweichen der verhärteten Front. Sippe eins behauptet, die Tochter des Exbürgermeisters sei nicht schwanger gewesen und hätte dementsprechend auch nicht abtreiben können, alles sei erlogen. Sippe zwei dagegen bleibt dabei, dass die Tochter des Exbürgermeisters doch schwanger war und abgetrieben hat.

Helmut, der inmitten beider Sippen seit Jahren lebt, glaubt an die Schwangerschaft. Während sich die Sippen weiter streiten, zieht er sich mit dem Frieden stiftenden Bürgermeister des Nachbardorfes zurück und empfiehlt ihm sehr weise zu entscheiden, so wie er es ja immer in Streitfällen tun würde. Der schaut ihn fragend an und Helmut erklärt ihm, er würde seine Sippe dazu überreden die geforderten 80.000 Bath zu bezahlen, aber erst wenn eine ärztliche Untersuchung der Städtischen Klinik in Korat bestätigen würde, dass an dem Mädchen keine Abtreibung vollzogen wurde. Was recht ist, muss eben Recht bleiben, ergänzt er seinen Vorschlag.

Alsbald bedeutet der Frieden stiftende Mann den streitenden Sippen ihn anzuhören. Als er erklärt, Sippe 2 müsse die geforderte Summe von 80.000 Bath bezahlen, erhebt sich unter Sippe 1 ein Freudengeheul. Als er weiter erläutert, dass jedoch vorher eine amtliche Untersuchung der mutmaßlichen Mutter erfolgen müsse, versteinern sich die Gesichter der Sippe eins und Sippe 2 beginnt darauf hin genüsslich zu grinsen.

Seit diesem Tag hat der jetzt zweimal gekränkte Exbürgermeister sein Haus nicht mehr verlassen. Gesichtsverlust nennt man das in Thailand, doch die Kluft zwischen den beiden Sippen hat sich vergrößert und die Feinseligkeit wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit überschwappen. Mein Freund Helmut überlegt sich ernsthaft mit seiner Frau und den drei Kindern das untereinander verfeindete Dorf zu verlassen.

Gepostet am 7. Aug. 2008 17:23 Uhr von Werner Schwalm

Re: Dorfgeschichten

Verfasst: 18. Okt 2015, 14:45
von KoratCat
Geist im Haus

Diese Geschichte habe ich nicht selbst erlebt, doch mein Freund Lutz und der ist glaubwürdig.

Erster Teil

Der Anfang ist weit weniger erfreulich und sehr schmerzhaft. Der kleine Michael ist beim Abendessen beim hin und her Wippen vom Stuhl gefallen und hat sich unglücklicherweise den rechten Zeigefinger gebrochen. Warum der dann nur noch an einem Hautfetzen hing, ist unerklärlich.

Lutz, nur in Turnhose und ohne Hemd, schließt noch schnell sein Office ab, damit niemand an seinen ganz privaten Kühlschrank mit den Bierdosen kommt und fährt mit dem weinenden Michal und der ebenfalls weinenden Mama ins nächste Krankenhaus.

Fehlanzeige. Der „aufgeweckte“ Arzt fühlt sich seiner Aufgabe nicht gewachsen, legt einen neuen Notverband an und weiter geht’s nach Korat ins Bangkok Luxushospital. Versicherungskarte vergessen. Doch es gibt ein Handy. Der brave Versicherungsvertreter wird aus dem Bett geklingelt, darf zur Klinik kommen, sich ausweisen und für die Kostenübernahme garantieren.

Michael wird im OP verarztet und kommt auf die Station. Michael weint, Mama weint, Lutz in kurzer Hose friert. Die Klimaanlage ist auf 23 Grad gestellt. Mama kommt auf die Couch und weint weiter leise vor sich hin, Michael schläft erschöpft ein und Lutz sitzt auf einem Stuhl und hält Nachtwache.

Zweiter Teil

Gegen 23 Uhr wird Lutz durch das Klingeln seines Handys aus seinem Dämmerschlaf gerissen. Oma Schwiegermutter ruft an. Oma ist eine umsichtige und resolute alte Dame. Das Haus der Kinder steht offen und sie hat keinen Schlüssel. In dem kleinen Nest wird zwar nicht gestohlen, doch geklaut was nicht niet- und Nagelfest ist. Oma will also im Haus schlafen und aufpassen. Schlafen und aufpassen? Geht ja eigentlich nicht, doch Oma hat riesige Ohren und einen leichten Schlaf. Geht also doch.

Geht doch? Geht nicht, berichtet Oma aufgeregt. Es ist ein Geist im Haus. Genauer gesagt im Office. Da die Tür abgeschlossen ist, kann Oma nicht rein und ihn vertreiben. Einen Knüppel hat sie schon bereit, doch was nützt der, sie kann nicht rein. Was macht Oma jetzt? Immer wenn es im Office schnarrt und klatscht, schlägt sie mit der Faust an die Tür, schimpft und lauscht. Es wird ruhig im Zimmer. Dann fängt es aber wieder an zu schnarren und zu klatschen. Der Geist gibt keine Ruhe. Oma klopft wieder mit der faust an die Tür. Schon ist der Geist wieder friedlich. Doch nur für wenige Sekunden, dann klatscht er wieder. Oma ist verstört. Bisher hat sie immer jeden Geist umgehend vertrieben. Dieser will aber nicht weg.

Oma überlegt. Aha, sie hat es erfasst. Das ist kein Thai Geist, das ist ein Farang Geist. Ist er doch im Zimmer des Farang, deshalb ein Farang Geist. Den kann eben nur der Farang vertreiben und sonst niemand.

Oma ist am Handy und gibt Lutz einen Lagebericht. Lutz ist verblüfft. Oma wird mit einem Geist nicht fertig? Das hat es in den ganzen zehn Jahren, die er da mitten in den Reisfeldern wohnt, noch nicht gegeben. Oma ist eine gute Frau, lieb und zuverlässig. Lutz ist ein guter Schwiegersohn, weckt seine Frau, damit sie auf Michael acht gibt und fährt in Turnhose die 60 km bis zum Haus.

Oma erwartet ihn aufs sehnlichste. Lutz friert. Oma überschüttet ihn mit einem Redeschwall. Lutz bewegt sich langsam zur Tür des Office. Der Geist klatscht unermüdlich. Oma schlägt demonstrierend an die Tür. Der Geist ist ruhig.

Lutz friert. Mit zitternder Hand steckt er den Schlüssel ins Schloss und öffnet die Tür. Das Geräusch des Geistes erfüllt den ganzen Raum. Lutz knipst das Licht an. Dann stellt er den Ventilator aus, dessen Luftstrom jedes Mal beim Hin- und Hergehen den Lamellenvorhang vor die Fensterscheiben schlägt.

Dritter Teil

Oma schämt sich in Grund und Boden. Lutz fährt wieder ins Krankenhaus. Immer noch in kurzer Hose. Er friert.

Gepostet am 11. Okt. 2008 14:33 Uhr von Werner Schwalm