Thai-Seide aus Pak Thong Chai

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KoratCat
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Thai-Seide aus Pak Thong Chai

Beitragvon KoratCat » 12. Okt 2015, 08:25

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Weil Don mittwochs den geringsten Umsatz hat und sie nicht jeden Tag arbeiten soll, hat sie heute blau gemacht. Ich lade sie in den Wagen und wir fahren etwa 30 km südlich von Korat gen Pak Thong Chai. Diese Kleinstadt ist berühmt, weil hier die schönsten Seidenstoffe Thailands hergestellt werden sollen. Zwar gibt es in Thailand moderne Fabrikationsanlagen, doch in dieser Stadt sollen die edlen Stoffe noch ausschließlich in Handarbeit am Webstuhl produziert werden. Da ich mir das schlecht vorstellen kann, will ich mir das doch einmal ansehen.

Jetzt, Anfang März, steigt die Temperatur mittags an die 38 Grad. Es ist viel zu heiß für diese Jahreszeit und jeder, der nicht unbedingt aus dem Haus muss, sucht eine kühle Ecke, stellt den Ventilator hoch oder schaltet die Klimaanlage auf ihre größte Leistung. Weil Don ihren freien Tag nicht im Haus verbringen will, fahren wir trotzdem los. Das Quecksilber ist zwar um 11 Uhr schon auf 36 Grad geklettert, doch wir lassen uns davon nicht beeindrucken.

Eine halbe Stunde später sind wir in der Seidenstadt und halten Ausschau nach den Webstühlen, die hier laut Beschreibungen im Internet, in jedem dritten Haus klappern sollen. Wir finden jedoch nichts dergleichen. Einheimische, die von Don angesprochen werden, sprechen von einer großen Weberei am Stadtrand, die immer von den Reisebussen angefahren wird, doch wo noch traditionelle Webstühle benutzt werden, wissen sie nicht. Ich bin leicht sauer.

Laut den Reisebeschreibungen im Internet müsste man doch in Pak Thong Chai buchstäblich an jeder Ecke über Webstühle stolpern. Typisch, da wird von einigen Reiseveranstaltern das Blaue vom Himmel gelogen um Touristen für eine Rundfahrt durch den urtümlichen Isaan zu animieren, die dann am Beispiel von Pak Thong Chai lediglich eine hoch modernisierte Fabrikanlage zu sehen bekommen, wo sie natürlich ihr Geld lassen sollen. Und dann schreiben im Internet auch noch clevere Touristen über ihre Reiseerlebnisse in Thailand die vorne und hinten nicht der Tatsache entsprechen und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass vieles einfach nur aus einer Homepage der Reiseveranstalter abgeschrieben ist.

In allen Geschäften in Pak Thong Chai, in denen konfektionierte Seide verkauft wird, fragt Don nach der Weberei und erhält immer den Hinweis auf die gleiche Weberei. Traditionelle Kleinbetriebe, wie ich sie gerne sehen möchte, sind unbekannt. Don gibt aber nicht auf und fragt alle 100 Meter einen Einheimischen und dann wird sie zu meiner Überraschung fündig. Es soll tatsächlich noch eine Manufaktur geben, in der auf traditioneller Art und Weise Seide gewebt wird. Außerhalb der Stadt, direkt an der Umgehungsstraße finden wir ihn.

Auf den ersten Blick sieht man allerdings nur ein neues großes Gebäude, in dem Seidenkleider, Blusen und Hemden verkauft werden. Ich will erst weiter fahren, doch Don besteht darauf, dass wir uns die Sache doch einmal näher ansehen.

Und sie liegt richtig, direkt neben dem Verkaufsgebäude stehen einige alte offene Holzhütten mit Wellblechdächern, in denen einige Leute werkeln. Don eilt dorthin, spricht mit einer Frau und winkt mir dann aufgeregt zu. Hier wird Seide gemacht, bringt sie mir bei. Du darfst auch überall herumgehen und fotografieren, Mai Pen Rai, kein Problem. Ja, und dann fühle ich mich um ein- oder zweihundert Jahre zurück versetzt. Zuerst erkenne ich gar nicht, was hier passiert. Doch als wir eine halb verfallene Hütte betreten sehen wir die lang gesuchten Objekte, einfache hölzerne Webstühle, auf denen von eifrigen Frauen die berühmte Thaiseide gewebt wird.

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Nur wenige Neonröhren bringen etwas Licht in den noch halbdunklen Raum, so dass sich meine Augen erst einmal anpassen müssen. Etwa 20 Webstühle stehen hier, von denen etwa die Hälfte besetzt ist. Einige Ventilatoren bringen etwas Luftbewegung in den stickigen Raum, in dem es schätzungsweise an die 40 Grad warm ist. Trotzdem lächeln die hier arbeitenden Frauen, während ich schwitzend versuche sie aufs Bild zu bannen.

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Don läuft eifrig hin und her, spricht mit den Frauen, streicht mit den Händen über diesen oder jenen soeben gewebten Stoff und freut sich offensichtlich.

Später erzählt sie mir, dass ihre Mutter früher in ihrer Hütte im Bezirk Buri Ram auch an so einen Webstuhl gearbeitet und damit etwas Geld verdient hat. Aha, deshalb ihr großes Interesse. Sicher sind in ihren Gedanken einige Kindheitserinnerungen aufgestiegen.

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Die Webstühle sind nicht sehr groß. Es sind einfache Lattengerüste, etwa 1,5 Meter breit, 2 Meter tief und 1,8 Meter hoch. Am Ende der Gerüste läuft in etwa 1 Meter Höhe eine Rolle, von der die Kreuzfäden ablaufen, die als Träger des eigentlichen Seidenfadens dienen. Dieser Faden ist auf Spulen gewickelt, die in dem so genannten Schiffchen durch die Kreuzfäden hin und her schießen. Jedes mal, wenn das Schiffchen seinen Weg passiert hat, drückt die Arbeiterin den Faden mit einem Rechen an das bereits gewebte Tuch und bestimmt damit die Festigkeit des Stoffes.

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Dann bringt sie mit dem linken oder dem rechten Fuß über einen Mechanismus die jetzt zweigeteilten Kreuzfäden in eine andere Lage und ein weiterer Mechanismus lässt von Hand betrieben das Schiffchen wieder zur anderen Seite sausen. Arme und Füße der vor dem Webstuhl sitzenden Arbeiterinnen sind demnach immer in einer rhythmischen Bewegung, denn der gesamte Webvorgang wird rein manuell gesteuert.
Für die hier arbeitenden Frauen erfordert diese Arbeit vollkommene Körperbeherrschung und höchste Konzentration, die ich auch an ihren angespannten Gesichtern erkennen kann. Fünf bis sechs Meter feinsten Seidenstoff in einem Meter Breite hat eine Frau vor sich aufgerollt, wenn sie nach einer zehn- bis zwölfstündigen Schicht ihre Arbeit beendet.
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Später, im Ausstellungsraum des Betriebes kauft Don 2 ½ Meter feinsten Seidenstoff in Uni, um sich daraus ein Kleid schneidern zu lassen und ich bezahle dafür pro Meter etwa 4 Euro. Aufwendiger und schwerer gewebte Stoffe kosten hier bis zu 16 Euro pro Meter.

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Wir haben Glück. In diesem Betrieb wird nicht nur gewebt, die Rohseide wird hier auch gefärbt. Die Färberei besteht aus einer Holzhütte in der die Rohseide und einige Chemikalien aufbewahrt werden und einem überdachten Kessel, der in einem aus groben Steinen gemauerten Ofen steht. Hier hat die moderne Zeit schon Einzug gefunden, denn das benötigte Feuer wird nicht mehr mit Holzkohle, sondern mittels Flaschengas entfacht.

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In dem Kessel köchelt die Rohseide solange in einer gelben Brühe, bis sie die gewünschte Färbung angenommen hat. Dann wird sie mit einer Holzstange herausgefischt und in einem Zuber gewaschen. Keine Vorrichtung oder Maschine ist zu sehen, alles geschieht manuell. Die gewaschene Seide wird dann etwas ausgedrückt, die einzelnen Bündel werden lang gezogen und jetzt zum Trocknen einfach in die Sonne gehängt.

So, oder zumindest so ähnlich, wird die Seide auch schon vor 500 Jahren bearbeitet worden sein. Alles wirkt etwas primitiv und es ist erstaunlich, dass am Ende der Be- und Verarbeitung solch ein herrliches Tuch entstanden ist. Thaiseide unterscheidet sich allerdings wesentlich von der bei uns bekannten Seide. Sie ist zwar auch weich und anschmiegsam, doch ihr feiner Glanz ist meistens etwas matt und nur der Profi wird auf den ersten Blick sofort erkennen, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Baumwoll- oder Kunststoffgewebe handelt.

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Nach dem Trocknen wird dann der Seidenfaden auf Spulen gezogen und kann jetzt verwebt werden. Es dauert mehrere Tage, bis die Frauen in mühseliger Arbeit eine einzelne Charge fertig gestellt haben.

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Die Seide läuft dann sehr stramm gezogen über eine erhitzte Trommel, damit das Tuch seine endgültige Form und Festigkeit erhält, um danach von geübten Händen konfektioniert zu werden.

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Etwas wird in diesem Betrieb auch noch zugeschnitten und genäht. Womit wird genäht? Selbstverständlich mit einer deutschen Nähmaschine von Singer, die bald an die hundert Jahre alt ist.

Es ist ein langer Weg, bis aus dem Kokon der Seidenraupe der Faden und letztlich der Stoff entsteht. Dazu werden Maulbeerbäumchen angebaut, mit deren Blättern die Seidenraupen gefüttert werden, die den Seidenfaden produzieren und sich in dem daumengroßen Kokon verpuppen. Der Faden einer Raupe kann etwa 3.000 Meter lang sein. Dieser wird dann in den Verarbeitungsbetrieben weiter verarbeitet.

Da es mir heute einfach zu heiß geworden ist, um mir irgendwo in der Umgebung auch diesen Vorgang anzusehen, will ich das später einmal nachholen. Ich hab ja Zeit und langsam habe ich mich auch die Thaimentalität angepasst, dass es besser ist, bei einer Tätigkeit Freude zu empfinden, als große Anstrengungen zu unternehmen, nur damit etwas erledigt ist.

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Während der Besichtigung ist Don hungrig geworden. Ja, und deshalb kehren wir im Restaurant des Korat - Resor - Holtel ein, wo Don ihren Magen füllt und ich meinen Durst mit einer kühlen Flasche Bier stille.

Augen auf beim Seidekauf!

Ahnungslosen Käufern wird gerne maschinell hergestellte Seide oder sogar Kunstseide zu überhöhten Preisen angedreht. Hier einige Hinweise wie man feststellen kann, ob es sich um echte handgewebte Seide handelt.
Von dem ausgesuchten Stoff ein Stückchen abschneiden, in eine Schale oder Ascher legen und an einer windstillen Ecke anzünden. Echte Seide brennt nicht, sondern glimmt nur. Sie riecht nach Horn oder verbranntem Haar und schrumpft koksartig zusammen.

Wenn der Stoff hell verbrennt und es kaum Asche gibt, zudem nach Papier riecht, handelt es sich um Leinen. Verschmilzt der Stoff ohne Flamme, handelt es sich um synthetische Kunstfaser. Verbrennt der Stoff schell und es bleibt wenig Asche zurück und es nach Papier oder säuerlich riecht, ist es Kunstseide oder Zellwolle.
Handgewebte Seide hat unregelmäßige Seitenränder. Bei maschinell gewebter Seide sind die Seitenränder gleichmäßig und haben feine Löcher, die vom Transport stammen.

Sehr oft ist der Querfaden aus Seide, der Längsfaden dagegen aus festerer Kunstfaser.
Trickreiche Verkäufer ziehen deshalb nur einen Querfaden aus dem Gewebe und verbrennen ihn.

Echte handgewebte Seide hat natürlich auch in Thailand ihren Preis.

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